Kunst am Bau(zaun)

In Karlsruhe befindet sich ja bekanntlich der Sitz des Bundesverfassungsgerichtes. Normalerweise tagen die Herren in den roten Roben in direkter Nachbarschaft des Karlsruher Schlosses. Doch seit einigen Monaten wird der 60er-Jahre-Bau grundlegend saniert, weshalb das Gericht seinen Sitz zeitweise in die ehemalige General-Kammhuber-Kaserne in der Karlsruher Waldstadt verlegt hat. (Kleine Randnotiz: weil es sich für das höchste deutsche Gericht im Gegensatz zur Bundeswehr natürlich nicht geziemt, in einem nach einem General der deutschen Luftwaffe im Zweiten Weltkrieg benannten Gebäudekomplex Recht zu sprechen, wurde der Name der Kaserne lieber mal getilgt. Aber das ist eine andere Geschichte, zu der dieser Artikel von 2009 zumindest ein wenig berichtet.)

Während nun also die für die energetische Modernisierung erforderlichen umfangreichen baulichen Maßnahmen durchgeführt werden, ist der Komplex natürlich von einem Bauzaun umgeben. Im Gegensatz zu vielen anderen Bauzäunen dieser Welt wird dieser aber nicht als preisgünstige Werbefläche für Trödelmärkte, Konzerte und Dia-Vorträge „Feuerland“ freigegeben. Statt dessen bietet er den Raum für untig beschriebenes  Kunstprojekt.

Und so kann man also auf dem rund 150 Meter langen Weg entlang des Zaunes drei verschiedene künstlerische Auseinandersetzungen mit dem Gericht sehen.

Da sind zum einen Fotografien aus dem Innen- und Außenbereich des Gebäudes, die mit Hilfe des Lentikulardrucks so übereinandergelegt sind, dass sich beim Vorbeigehen ein ständiger Perspektivwechsel ergibt. Ein netter Effekt, an dem man sich aber auch recht schnell satt sieht.

Deutlich spannender finde ich da schon das zweite Projekt, eine Fotoserie zum Thema Grundrechte. Gezeigt sind Bilder von Personen, die jeweils ein Schild vor sich halten, auf dem eines der in den ersten 19 Artikeln des Grundgesetzes festgelegten Rechte schriftlich festgehalten sind. Und einige der Motive finde ich wirklich beeindruckend gut gelungen. Das hier zum Beispiel (Das Briefgeheimnis sowie das Post- und Fernmeldegeheimnis sind unverletztlich):

Oder das (Niemand darf wegen seiner Behinderung benachteiligt werden):

Und mein absoluter Favorit (Alle Deutschen haben das Recht, Vereine und Gesellschaften zu bilden):

Das für mich großartigste Projekt hat – wie könnte es anders sein – mit Sprache zu tun. Genauer gesagt haben sich die Urheber wohl (ob bewusst oder unbewusst) an dem Projekt Kunst aufräumen orientiert und die Texte von sechs Gerichtsurteilen aus verschiedenen Jahrzehnten alphabetisch sortiert. Und das sieht dann so aus:

Bestimmt 100 Meter geht man dann an einer sauber geordneten Wortwand entlang, und man kann sich genüsslich darin verlieren, juristische Sprachextravaganzen (Rechtsgutbeeinträchtigung), interessante Wortgruppen (Schmitt schmuggelte Schnabel Schneider schnell schnell schnell), verstreute Perlen (Schluckebier, Schnitzerling), oder Abkürzungen (Rdnr.) zu entdecken, zu suchen und wiederzufinden.

Natürlich gibt es auch eine Reihe von Worten, die so häufig in den Urteilen auftauchen, dass sie locker eine ganze Wand einnehmen. Und wenn diese dann ordentlich in Reih und Glied stehen, ergibt sich ein wirklich eindrucksvolles Bild.

Und wenn man dann auch noch den Weg vom Ende des Alphabets aus geht, erwartet einen zum Schluss noch eine Besonderheit. Denn nicht nur sämtliche Worte aus den Urteilen, sondern auch alle Zahlen, Sonderzeichen und vor allem Satzzeichen sind abgebildet.

Wer in den nächsten Monaten nach Karlsruhe kommt, sollte da auf jeden Fall mal vorbei schauen und mal suchen, ob er seinen eigenen Namen findet. Meiner steht jedenfalls drauf.

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Innereien-Fans

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Dass sich ein Verein von Liebhabern von Innereiengerichten bildet, mag ja vielleicht noch nachvollziehbar sein. Aber warum die Clubfahne seit zwei Wochen im Schaufenster eines örtlichen Frisörsalons hängt, erschließt sich mir nicht. Der Rollator steht übrigens regelmäßig da.

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Badische Bindfäden

„Da hen se Glück g’hat mit’m Wetter“ sagt die freundliche Verkäuferin in der Bäckerei und weist auf das graue Geniesel draußen. „Heut‘ morge hatte mer richtiger Schnürlesrege.“

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Culinaria Badensis (I): Butterbrezel

Als Mainzer meint man ja, die Erfüllung der Brezel in den Produkten der Laugenteigwarenmanufaktur Ditsch&Cie. schon in äußerst jungen Jahren gefunden zu haben. Und weil man bereits im Kinderwagen mit den Dingern vertraut gemacht wurde, sich während der Schulzeit auf dem Weg zum Bus ausgiebig mit dem zu jener Zeit in Erweiterung befindlichen Sortiment eingehend vertraut gemacht hat und später im Studium immer wieder wie Bolle gefreut hat, dass der Verkaufsstand am Bahnhof schon offen hatte, wenn man im Morgengrauen aus dem Caveau getaumelt kam, gab es auch nie einen Grund, daran zu zweifeln, dass der Ditsch nun mal die beste Brezel macht.

Insofern kam es einer kleinen Erleuchtung gleich als ich hier ein ganz anderes Konzept von Brezel kennen lernen konnte. So ein Teil muss nämlich nicht zwingend noch warm gegessen werden, weil es nach dem Erkalten vollkommen gummiartig und zäh wird. Und es muss nicht zwingend einen so strammen Laugen-Nachgeschmack haben, dass man bei jedem Aufstoßen meint, man habe sich den Mund mit Seife ausgewaschen. Eine Brezel kann auch außen schön knusprig und innen weich und aromatisch sein. (Ich weiß, ich übertreibe hier ein wenig, so schlimm sind die Brezeln vom Ditsch auch wieder nicht. Aber die vom Geppert! Dennoch:) Die badische Brezel spielt in einer ganz anderen Liga als das, was in Mainz angeboten wird. Und das nahezu durch die Bank. Ein wirklich schlechte Brezel ist mir hier noch von keiner Bäckerei verkauft worden.

Der eigentliche Clou an der Sache ist aber, dass die Leute sich hier mit ihren wirklich leckeren Brezeln nicht zufrieden geben. Sie sind auch noch auf die wirklich fantastische Idee gekommen, die Brezel in der Mitte aufzuschneiden, einen ordentlichen Schwung Butter draufzuschmieren und das Ganze wieder zuzuklappen. Und das schmeckt so wunderbar lecker, ist schnell gegessen, macht satt.

Die Butterbrezel ist der universale Snack dieser Region schlechthin. In jeder Bäckerei ist sie erhältlich, ob am Mannheimer Hauptbahnhof oder am Leopoldsplatz in Baden-Baden, ob in der kleinen Landbäckerei in Kuppenheim, in der Heel-Betriebskantine oder in Iffezheim auf der Rennbahn. Und das Wichtigste: Sie kostet überall dasselbe. Genau ein Euro ist der derzeitige Kurs, und es scheint so als wäre der Butterbrezelpreis in hiesigen Gefilden einer der verlässlichsten Inflationsanzeiger überhaupt. Bisher habe ich (von besagter Rennbahn mal abgesehen, aber das ist kein Vergleichspunkt) keinen Laden gesehen, der es gewagt hätte, mehr als einen Euro für die Butterbrezel zu nehmen. Und einmal konnte ich eines dieser typischen Gespräche älterer Menschen belauschen, die sich darüber austauschten, wie teuer die Butterbrezel doch geworden sei. Früher habe man ja schließlich gerade mal 20 Pfennig dafür bezahlt. Das also haben Ditsch-Brezel und badische Butterbrezel gemeinsam: man kann an ihnen gut nachvollziehen, wie Güter mit der Zeit immer teurer werden ohne an Wert zu gewinnen oder zu verlieren. Und übrigens: Ditsch gibt’s auch in Baden-Baden oder Karlsruhe, aber ich hatte bisher noch nicht das Verlangen nach einer ihrer Brezeln.

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Sendepause

Es ist still geworden auf diesen Seiten, viel zu still. Derzeit habe ich tatsächlich ein paar Probleme, adäquates Material für meinen Blog aufzutun. Die Idee, hier von meiner alltäglichen Konfrontation mit badischem Leben zu schreiben gerät deutlich ins Stocken, da meine Konfrontation mit badischem Leben derzeit nicht allzu stark ausgeprägt ist. Das war im Frühjahr und Sommer noch ganz anders, als ich unter der Woche noch auf mich alleine gestellt durch die Stadt Baden-Baden marschiert bin und bei ausnehmend gutem Wetter die allerbesten Seiten dieser Ecke kennenlernen durfte.

Nun ist eben Winter, und wir sind wieder als Familie zusammen, und so ist das Bedürfnis, die Tage und vor allem die Abende draußen zu verbringen, nicht sonderlich ausgeprägt. Außerdem gibt es im Moment viel Arbeit, bei der ich zwar immer wieder mit badischen Kollegen zu tun habe, aber es geschehen dabei eigentlich keine außergewöhnlichen, berichtenswerten Ereignisse. Einzig die großangelegte Meckerei über die hiesigen Verkehrsbetriebe wäre einen längeren Artikel wert (nachdem ich an einem der wenigen wirklich saukalten Tage im letzten Dezember über eine Stunde auf meinen Bus warten musste, war ich kurz davor, einen geharnischten Rant abzulassen, habe mich dann aber doch lieber in die heiße Badewanne gelegt), aber nach Gemotze ist mir im Moment eigentlich auch nicht.

Die Abende und Wochenenden verbringen wir größtenteils unter uns, weil sich bislang eben noch keine Kontakte hier aufgetan haben, mit denen wir unsere Zeit verbringen könnten und weil das bescheidene Wetter außer zu dem ein oder anderen kleinen Gang durch Kuppenheim oder eine der Nachbargemeinden einlädt, gibt es also auch keine Sightseeing-Berichte. Und als ich vor Weihnachten dann doch mal eine Woche frei hatte, war in der ganzen Zeit immer irgendjemand krank und die geplanten Ausflüge zum Beispiel zum Straßburger Weihnachtsmarkt fielen ins reichliche Wasser.

Und so sitze ich nun hier und weiß nicht, worüber ich groß schreiben sollte. Hinzu kommt noch, dass ich zurzeit darüber nachdenke, die ganze Blogsache ein wenig umzuorganisieren, nämlich mittelfristig unter dem Titel „punktum“ einen etwas anderen Schwerpunkt zu setzen und die Ansichten eines Rheinhessen im Badischen Exil unter einem anderen Titel laufen zu lassen. Aber auch das ist noch nicht wirklich ausgegoren und braucht noch ein wenig Zeit. Also bleibt mir gerade nicht viel anderes als Euch alle um ein wenig Geduld zu bitten, bis es hier mal wieder ordentlich weiter geht (wenn doch wenigstens mal ein bisschen Schnee fallen würde, dann könnten wir ja mal die Nähe zum Winter nutzen. Aber selbst auf den Höhen von Kaltenbronn, Unterstmatt oder Mehliskopf ist auch nicht viel zu holen.). Macht’s wie ich und lest mal wieder ein gutes Buch…

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In den vergangenen 12 Monaten habe ich…

…als Selbständiger gearbeitet
…bis Februar mit keiner Veränderung gerechnet
…auf der CeBIT die weltbeste Standparty gefeiert
…ein Angebot bekommen, das ich nicht ablehnen konnte
…in zwei Wohnungen zur Zwischenmiete gewohnt
…Familienalltag verlernt
…die beste schönste Bürogemeinschaft aller Zeiten hinter mir gelassen
…den Frühling in Baden-Baden schätzen gelernt
…an viel zu vielen Frei- und Sonntagen Hefeweizen im ICE-Bordbistro getrunken
…ein paar schöne und viele schlimme Häuser angeschaut
…das Schwarzwaldidyll gefunden
…Geld beim Pferdewetten verloren
…Geld beim Roulette gewonnen
…ein Abschiedsfest gefeiert
…eine neue Bleibe gefunden
…viele Eimer Farbe auf Wände aufgebracht
…zugesehen, wie meine ganze Habe in einen LKW verladen wurde
…im Garten gegrillt
gedichtet
…zweieinhalb Zeitungen erstellt
…tolle neue Kollegen gefunden
…Familienalltag neu gelernt
…und gelegentlich darüber gebloggt.

Danke an alle, die das hier regelmäßig oder unregelmäßig mitlesen und die mich mit Kommentaren oder anderen Bekundungen ermuntern, weiter zu schreiben.

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Motoball

Ich bin ein ziemlich sportinteressierter Mensch. Ich habe mir schon eine Reihe von Wettkämpfen in den unterschiedlichsten Disziplinen angeschaut, ob nun live vor Ort oder im TV. Und in den Zeiten, als die Sportschau am Sonntag noch von Adi Furler moderiert wurde und noch regelmäßig von den sogenannten Randsportarten berichtet wurde, lernte ich auch solch abseitige Dinge wie Rhönradfahren, Faustball, Dreibandbillard oder Radball kennen.

Also ich nun vor einigen Monaten hier nach Nordbaden kam, las ich im Sportteil der lokalen Tageszeitung immer wieder Berichte von einer Sportart namens „Motoball“. Das war mir tatsächlich vorher noch nie untergekommen, und so recht konnte ich anfangs auch nicht ergründen, um was es sich dabei genau handelt (und ehrlich gesagt fand ich es dies eine Mal zu blöd, einfach die allwissende Müllhalde Internet danach zu fragen, sondern ich wollte selbst mehr rausfinden). Die Zeitungsartikel waren dabei nur bedingt hilfreich. Zwar erfuhr ich hier, dass es wohl darum geht, einen Ball in ein Tor zu befördern, aber wie genau das vonstatten geht, war daraus nicht zu entnehmen. Immerhin konnte ich die ebenfalls offene Frage, mit welchem motorisierten Gefährt das Ganze betrieben wird, mit Hilfe der zugehörigen Bilder klären: Es handelt sich um Motorräder.

Noch etwas fiel mir beim Blick in die Zeitung auf: In der abgedruckten Tabelle der Bundesliga Süd fanden sich viele Namen von Ortschaften aus der näheren Umgebung. MSC Comet Durmersheim, MSC Taifunf Mörsch, MSC Malsch, MSC Ubstadt-Weiher oder MSC Pume Kuppenheim: alles Ortschaften in einem Radius von rund 50 Km. Dazu noch der MBV Budel, aber dazu später mehr. Es scheint, als würde in Süddeutschland nur in dieser Gegend Motoball gespielt. Was erklärt, warum ich von dem Sport zuvor noch nie etwas gehört hatte.

Jedenfalls hatte ich mir relativ bald vorgenommen, mal zu einem Spiel zu gehen, und der Entschluss wurde noch verstärkt, als feststand, dass wir nach Kuppenheim ziehen würden, in die Stadt des zehnmaligen deutschen Meisters und mehrmaligen Vizemeisters im Motoball. Allerdings musste ich doch bis in den Oktober damit warten.

Da aber konnte ich gleich ein echtes Top-Ereignis erleben, das Rückspiel der Halbfinal-Playoffs zwischen dem MSC Puma Kuppenheim und dem MSC Taifun Mörsch. Das Hinspiel hatten der Puma bereits mit 8:2 für sich entschieden, das Erreichen des Endspiels war damit wohl nur noch Formsache. Mit diesem Vorwissen schnappte ich mir den Erstgeborenen und fuhr mit ihm an einem spätsommerlichen Sonntagnachmittag Richtung Motoball-Stadion, am Rande eines Gewerbegebietes.

Ich hatte keine rechte Vorstellung davon, wie ein Motoball-Platz aussehen würde, hatte schon mit einer matschigen, zerfurchten Offroad-Anlage gerechnet. Stattdessen betrat ich eine sehr gepflegte Anlage mit einem asphaltierten Spielfeld in der Größe eine Fußballplatzes. An der einen Längsseite befand sich das Vereinsheim mit Verpflegungsständen, an der Gegengerade ein kleiner Wall, an den fünf Stufen Platz für um die 250 Zuschauer boten. Leider lag die Gegengerade voll im Gegenlicht, so dass einerseits der Erstgeborene ständig geblendet wurde und andererseits keine vernünftigen Bilder machbar waren. Also zogen wir auf die Haupttribünenseite und platzierten und auf Höhe eines der beiden Strafräume. Ach ja, der Aufbau der Spielfelder. Bei den Toren handelt es sich auch um normale Fußballtore. Um diese herum ist ein Halbkreis mit einem Radius von etwa fünf Metern, der mit schwarzen Tartan-Platten ausgelegt ist, der Torraum. Hinter den Toren geht das Spielfeld noch einige Meter weiter, eine Auslaufzone sozusagen. An allen Rändern ist das Spielfeld leicht schräg, damit der Ball von dort von selbst wieder herunterrollt. Das ganze Feld ist von festen Werbebanden und hinter den Toren von hohen Zäuen eingegrenzt. Und schließlich: In einer Ecke hinter jedem Tor befindet sich eine kleine Garage, von der aus die Ersatzspieler fliegend eingewechselt werden können.

Nun mal zum generellen Regelwerk: Jedes Team besteht aus vier Feldspielern und einem Torwart. Die Feldspieler sitzen auf Motocross-Maschinen und haben neben der üblichen Schutzkleidung und einem Helm noch große Schienbeinschoner an. Die Torhüter tragen auch einen Motorradhelm, sind aber zu Fuß unterwegs und dürfen ihren Torraum nicht verlassen (das ist nicht nur verboten, sondern ich hielte das auch für lebensmüde…). Das Spielgerät ist ein deutlich zu groß geratener Fußball, eher vom Format Wasserball. Diesen gilt es, mit Fuß, Kopf oder Körper ins gegnerische Tor zu befördern. Das Spielen mit der Hand oder Tragen des Balles ist verboten. Jedes Spiel besteht aus vier Abschnitten à 20 Minuten. Nach dem zweiten Abschnitt ist Seitenwechsel. Schiedsrichter gibt es auch, und auch die müssen laufen.

So weit die Theorie, in der Praxis läuft das Ganze wie folgt ab: Nach dem Anstoß schnappt sich einer der Spieler den Ball, klemmt ihn zwischen unterschenkel und seinem Motorrad ein und fährt Vollgas in Richtung gegnerisches Tor. Die Verteidiger versuchen, den Spieler zu blockieren, und schon setzt ein ständiges Hin- und Her-Manövrieren, Abstoppen, Gas geben, Maschine-herumreißen, Aufeinanderprallen, Ineinanderverkeilen, Bremsen, Links-Antäuschen-rechts-Vorbeiziehen, Abspielen, mit-den-Füßen-nach-dem-Ball-hakeln, Rempeln, es-lieber-noch-mal-Hintenrum-versuchen, das-Spiel-auf-die-Seite-verlagern und irgendwann auch mal Aufs-Tor-Schießen ein. Ein recht wüstes und vor allem lautes Spektakel, bei dem Mensch und Material sich nichts schenken. Die meiste Zeit findet das Spiel rund um einen der beiden Torräume statt, wo die angreifende Mannschaft versucht, eine Lücke zwischen all den Leibern und Motorrädern zu finden und die Verteidigende alles daran setzt, eben diese Lücke nicht anzubieten und gleichzeitig irgendwie den Ball wieder zu gewinnen. Ist der Ball mal frei und wird aus der Gefahrenzone gedroschen, setzen die Spieler wieder mit Vollgas nach.

Eine Mordsgaudi, bei der es recht ruppig zugeht. Immer mal wieder prallen zwei Spieler so aufeinander, dass mindestens einer von Ihnen mit seiner Maschine umfällt oder unfreiwillig absteigen muss. Dann wird das Spiel zumeist unterbrochen, was jedoch gar nicht so einfach ist. Zwar verfügen die beiden Schiedsrichter über recht laute Pfeifen und auch über Fahnen, um optisch auf sich aufmerksam zu machen, aber im Eifer des Gefechts wird das von vielen Spielern einfach übersehen, und es geschieht oft genug, dass zwei Streithähne sich noch verbissen um den Ball streiten, wenn der Rest schon längst die Unterbrechung registriert hat.

Natürlich gibt es auch unfaire Wege, den Gegner zu traktieren, und wenn so etwas geahndet wird, dann gibt es einen Freistoß. Dann stellen die Verteidiger eine Mauer auf, während der Schütze weit, weit ans andere Ende des Platzes (nun ja, mindestens 40 Meter dürften es jedenfalls sein) fährt. Sobald der Schiedsrichter den Ball frei gibt, fährt er mit voll aufgedrehtem Gashahn los und versucht dann, den Ball gezielt und für den Torwart unhaltbar über die Mauer und in den Winkel zu schlenzen. Beinahe zirkusreif, die Nummer.

Und obwohl der Ball so groß ist und der Torwart ohne Motorrad auf dem engen Raum beweglicher ist als die Feldspieler, fallen über die gesamte Spielzeit einige Tore. Schon nach wenigen Minuten führt der Puma mit 3:0, womit auch das letzte Fünkchen Hoffnung beim Taifun dahin sein dürfte. Und es ist schon sehr beeindruckend zu sehen, wie die Kuppenheimer sich durch die vielbeinige und -rädrige Abwehr hindurchkombinieren. Aber im Grunde sind das Feinheiten, die ich zu Beginn gar nicht wirklich wahrnehme. In den ersten Minuten bin ich doch ziemlich ungläubig ob des Tempos und der Dynamik in dem Spiel. Die Kerle werfen ihre Motorräder hin und her, prallen aufeinander (und mir wird sehr schnell klar, warum die Beinschoner so auffällig groß sind), und immer wieder Vollgas hinter der Pille her. Und gelegentlich spielt sich das Geschehen direkt vor unserem Platz ab, so nah, dass der Erstgeborene lieber mal ein paar Schritte zurückweicht. Aber sobald die Maschinen sich wieder mit quietschenden Reifen entfernt haben, geht er wieder ganz nach vorne an die Bande und schaut sich das Spektakel gebannt an.

Über den Spielverlauf will ich nicht mehr allzu viel verlieren, am Ende gewann Kuppenheim souverän mit 7:0 und zog ins Finale ein, welches man zwei Wochen später gegen Leverkusen knapp nach Elfmeterschießen verlor. Wichtiger erscheint mir noch das ein oder andere Wort über das Ambiente. Wie schon erwähnt ist das Vereinsgelände des Puma sehr adrett, und dazu gehört auch ein ordentliches Vereinsheim. Dort an den Wänden hängen allerlei Bilder und Trophäen und auch eine Maschine aus vergangenen Zeiten.

Und dort wird auch deutlich, dass Motoball nicht etwa eine neue Sportart ist, sondern eine durchaus lange Geschichte aufweist. Der MSC Puma selbst feierte 2010 sein 50. Jubiläum, und die zu diesem Ereignis aufgelegte Festschrift habe mir auch prompt mitgenommen. Hier erfährt man nicht nur einiges aus den Anfangstagen (und findet dabei Bilder der verwegenen Pioniere des Kuppenheimer Motoball, die so glorreiche Namen wir Walter Zäpfel oder Alfred Zipperle trugen, und denen man sofort ansieht, dass sie nicht nur im Angesicht des Gegners sondern auch in der Konfrontation mit jeder anwesenden Flasche Topinambur tapfer ihren Mann standen), sondern kann auch lernen, dass Motoball vor allem in der ehemaligen UdSSR einen hohen Stellenwert hatte. Dort fanden und finden Spiele teils vor mehreren zehntausend Zuschauern statt. Und so kommt es, dass Kuppenheimer Motoballer schon in den 1970ern regelmäßig als Botschafter der Völkerverständigung zu Wettkämpfen in die Sowjetrepubliken Russland oder Ukraine gefahren sind und sich dort wacker gegen die übermächtigen Gegner schlugen. Durchaus interessant zu lesen, das alles.

Ich könnte jetzt noch einiges mehr schreiben, zum Beispiel von den zahlreichen Verletzungsunterbrechungen, die bei einem solchen Spiel immer wieder auftreten; von den derben Wortgefechten, die sich Mörscher und Kuppenheimer Zuschauer lieferten; oder auch von der Verpflegung, von der ich mir ein bisschen mehr erwartet hätte (na gut, hierzu doch noch ein paar Sätze: auf dem Kuppenheimer Stadtfest einige Wochen zuvor boten die Motoballer an einem eigenen Stand die „Pumarolle“ an, eine Rinderroulade mit Spätzle, die äußerst schmackhaft aussah. Natürlich erwartete ich keine Rouladen beim Spiel, aber ein ordentlicher Schwenkgrill mit anständigen Steaks hätte es schon sein dürfen. Ich meine: Motorsportfreaks. Die grillen doch immer. Sogar bei strömendem Regel beim 24-Stunden-Rennen am Nürburgring. Stattdessen gabs nur Würstchen oder Leberkäsweck, was durchaus lecker war, aber ich hatte mich wie gesagt auf mehr gefreut. Vielleicht sieht das im Hochsommer ja anders aus.) Aber ich höre hier mal lieber auf, jedoch nicht ohne potenziellen Besuchern eine Visite bei einem Motoballspiel ans Herz zu legen. Auf meiner Liste der abgefahrensten Sportarten hat Motoball jedenfalls auf Anhieb einen Platz in den Top drei erobert. Und im Übrigen findet im kommenden Mai sogar die Europameisterschaft in Kuppenheim statt. Das werde ich mir sicher nicht entgehen lassen!

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