Rettet der Akkusativ

Die Annäherung an den Badischen Dialekt ist schwieriger als gedacht, denn er kommt weitgehend ohne wirklich klare Marker aus. Viele Eigenheiten ergeben sich aus der Intonation, der ein oder anderen Lautverschiebung, -verhärtung oder -verschmelzung, zuweilen auch dem Sprachtempo – alles in allem also eher aus dem prosodischen Bereich (um hier mal ein bisschen linguistisches Basiswissen unters Volk zu bringen) der Sprache. Deshalb und weil es nicht nur einen sondern viele badische Dialekte gibt, die sich zwar in Gruppen unterteilen lassen, aber auch darin regional unterschiedlich ausgeprägt sind, lagert ein Blogeintrag mit dem Titel „Lingua Badensis“ schon seit geraumer Zeit im Entwurfsordner. Es ist halt alles nicht so einfach.

Also gilt es, sich der hiesigen Sprache vom Offensichtlichen her zu nähern, von den wenigen eindeutig identifizierbaren Schrulligkeiten. Hierzu zählt die sehr weit verbreitete aber durchaus selektiv auftretende Akkusativschwäche badischer Sprecher, die den mit einem guten Gedächtnis ausgestatteten Lesern bereits aus diesem Beitrag bekannt vorkommen könnte. Die gängigste Variante lässt sich bei der Verabschiedung in Ladengeschäften hören:

Ich: „Danke schön. Schönen Tag noch.“
Beliebiges Verkaufspersonal: „Schöner Tag.“

Auch in der erweiterten Variante

„Ich wünsche Ihnen ein schöner Tag.“

anzutreffen. Wer auch immer sich zwischen Karlsruhe und Offenburg schon mal eine Brezel gekauft hat, dürfte das schon mal gehört haben. Aber: Das sagen hier so gut wie alle. Fleischereifachverkäuferinnen, Busfahrer, Supermarktkassierer, Finanzamtsmitarbeiterinnen, Gemeinderäte, Restaurantbedienungen und die nette Dame an der Kasse in unserer Kantine.

Man kann auch mit der folgenden Frage konfrontiert werden:

„Haben Sie noch ein anderer Wunsch?“

Ich frage mich dann immer, was die korrekte Antwort wäre. „Nein danke, keiner.“? Oder „…keinen“. Ich entscheide mich meist für „Nichts, danke schön“.

Bemerkenswert ist vor allem die Inkonsequenz, mit welcher der Akkusativ gemieden wird. Neulich während der Busfahrt:

Kontrolleurin: „Guten Morgen, Ihren Fahrschein bitte.“
(nach beendeter Begutachtung des Fahrausweises): „Danke, und ein schöner Tag.“

Auch die doppelte Verweigerung des Akkusativ ist möglich. Ich durfte schon mal Folgendes mithören:

„Schöner Gruß auch an der Opa.“

Und jetzt wünsche ich Euch allen ein besinnlicher erster Advent. Geht doch mal auf der Weihnachtsmarkt und trinkt ein Glühwein.

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2 Antworten zu Rettet der Akkusativ

  1. Hildegard Klein-Bodenheimer schreibt:

    Neulich an der Fischtheke: 300 g Kabeljaufilet, bitte.
    Die immer sehr freundliche Dame: Der Fisch einschweißen oder normal verpacken?
    Vielleicht sprechen sie ja insgeheim mit Komma oder Gedankenstrich und wir nördlicheren Pflanzen erkennen das nur nicht: Der Fisch – einschweißen oder normal verpacken?

  2. Miri schreibt:

    Schön. Schreib weiter!

    Wünsche noch ein guter Start in die Woche, wenn sie denn mal bei dir anfängt 😉

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