In Karlsruhe befindet sich ja bekanntlich der Sitz des Bundesverfassungsgerichtes. Normalerweise tagen die Herren in den roten Roben in direkter Nachbarschaft des Karlsruher Schlosses. Doch seit einigen Monaten wird der 60er-Jahre-Bau grundlegend saniert, weshalb das Gericht seinen Sitz zeitweise in die ehemalige General-Kammhuber-Kaserne in der Karlsruher Waldstadt verlegt hat. (Kleine Randnotiz: weil es sich für das höchste deutsche Gericht im Gegensatz zur Bundeswehr natürlich nicht geziemt, in einem nach einem General der deutschen Luftwaffe im Zweiten Weltkrieg benannten Gebäudekomplex Recht zu sprechen, wurde der Name der Kaserne lieber mal getilgt. Aber das ist eine andere Geschichte, zu der dieser Artikel von 2009 zumindest ein wenig berichtet.)
Während nun also die für die energetische Modernisierung erforderlichen umfangreichen baulichen Maßnahmen durchgeführt werden, ist der Komplex natürlich von einem Bauzaun umgeben. Im Gegensatz zu vielen anderen Bauzäunen dieser Welt wird dieser aber nicht als preisgünstige Werbefläche für Trödelmärkte, Konzerte und Dia-Vorträge “Feuerland” freigegeben. Statt dessen bietet er den Raum für untig beschriebenes Kunstprojekt.

Und so kann man also auf dem rund 150 Meter langen Weg entlang des Zaunes drei verschiedene künstlerische Auseinandersetzungen mit dem Gericht sehen.

Da sind zum einen Fotografien aus dem Innen- und Außenbereich des Gebäudes, die mit Hilfe des Lentikulardrucks so übereinandergelegt sind, dass sich beim Vorbeigehen ein ständiger Perspektivwechsel ergibt. Ein netter Effekt, an dem man sich aber auch recht schnell satt sieht.
Deutlich spannender finde ich da schon das zweite Projekt, eine Fotoserie zum Thema Grundrechte. Gezeigt sind Bilder von Personen, die jeweils ein Schild vor sich halten, auf dem eines der in den ersten 19 Artikeln des Grundgesetzes festgelegten Rechte schriftlich festgehalten sind. Und einige der Motive finde ich wirklich beeindruckend gut gelungen. Das hier zum Beispiel (Das Briefgeheimnis sowie das Post- und Fernmeldegeheimnis sind unverletztlich):

Oder das (Niemand darf wegen seiner Behinderung benachteiligt werden):

Und mein absoluter Favorit (Alle Deutschen haben das Recht, Vereine und Gesellschaften zu bilden):

Das für mich großartigste Projekt hat – wie könnte es anders sein – mit Sprache zu tun. Genauer gesagt haben sich die Urheber wohl (ob bewusst oder unbewusst) an dem Projekt Kunst aufräumen orientiert und die Texte von sechs Gerichtsurteilen aus verschiedenen Jahrzehnten alphabetisch sortiert. Und das sieht dann so aus:

Bestimmt 100 Meter geht man dann an einer sauber geordneten Wortwand entlang, und man kann sich genüsslich darin verlieren, juristische Sprachextravaganzen (Rechtsgutbeeinträchtigung), interessante Wortgruppen (Schmitt schmuggelte Schnabel Schneider schnell schnell schnell), verstreute Perlen (Schluckebier, Schnitzerling), oder Abkürzungen (Rdnr.) zu entdecken, zu suchen und wiederzufinden.

Natürlich gibt es auch eine Reihe von Worten, die so häufig in den Urteilen auftauchen, dass sie locker eine ganze Wand einnehmen. Und wenn diese dann ordentlich in Reih und Glied stehen, ergibt sich ein wirklich eindrucksvolles Bild.

Und wenn man dann auch noch den Weg vom Ende des Alphabets aus geht, erwartet einen zum Schluss noch eine Besonderheit. Denn nicht nur sämtliche Worte aus den Urteilen, sondern auch alle Zahlen, Sonderzeichen und vor allem Satzzeichen sind abgebildet.

Wer in den nächsten Monaten nach Karlsruhe kommt, sollte da auf jeden Fall mal vorbei schauen und mal suchen, ob er seinen eigenen Namen findet. Meiner steht jedenfalls drauf.